Gastbeitrag von Kathy Weber: Schluss mit Gummibärchen und Zimmerarrest! Ein Leben ohne Belohnung und Bestrafung durch Gewaltfreie Kommunikation (GfK)

Gastbeitrag von Kathy Weber: Schluss mit Gummibärchen und Zimmerarrest! Ein Leben ohne Belohnung und Bestrafung durch Gewaltfreie Kommunikation (GfK)

Kinder erziehen ohne Belohnung und Bestrafung, geht das ? Wir freuen uns, heute zu diesem Thema einen Gastbeitrag von Kathy Weber, Herzenssache, veröffentlichen zu dürfen. Kathy Weber ist ausgebildete Trainerin der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Dr. Marshall B. Rosenberg und arbeitet mit Ansätzen der Bindungspädagogik.

Gastblogbeitrag:

„Das hast du aber toll gemacht.“ 

„Wenn du dir die Schuhe anziehst, dann gibt es gleich Gummibärchen.“

„Du bist wirklich tollpatschig!“

„Wenn du jetzt nicht kommst, dann gehe ich alleine nach Hause!“

„Ich zähle bis 3! 1-2-3!“

 

Belohnung und Bestrafung sind fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Seit Jahrtausenden werden Kinder von ihren Eltern und den zuständigen Pädagogen für gewünschtes Verhalten gelobt und für unerwünschtes bestraft.

Mit dem Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation (GfK)nach Dr. Marshall Rosenberg ist es aber möglich, darauf zu verzichten.

 

Wieso Belohnung und Bestrafung negativ auf Kinder wirken:

  • Das Konkurrenzdenken der Kinder wird gestärkt. Unsere Kinder sind einem ständigen Wettbewerbsdenken ausgesetzt.
  • Du erfährst nicht, was in deinem Kind gerade wirklich vorgeht, wie es ihm geht. Du verlierst an Verbindung, Verständnis, Nähe u.v.m.
  • Die Neugier, neue Lösungswege zu finden, erstickt im Keim und der Anreiz, sich für sich selbst einzusetzen geht verloren.
  • Unser Kind wächst in einem dominanten Umfeld auf und erfährt: der Stärkere gewinnt! Wir fördern dadurch das Streben nach Macht.

Belohnung und Bestrafung ziehen ein System extrinsischer Verhaltensmotivationnach sich.

Das heißt, dass Kinder nur noch mit dem Ziel handeln um ein Lob oder eine Belohnung zu erhalten – oder eben etwas nicht machen, aus Angst vor Bestrafung.

Was wir uns in der GfK wünschen: dass Kinder aus einer intrinsischen Verhaltensmotivationheraus handeln. Wir möchten fördern, dass sie etwas für sich machen – dass sie mit ihren Bedürfnissen verbunden sind und Freude an bestimmten Handlungen haben. Und auch, dass sie gerne zum Wohl der Gemeinschaft beitragen.

 

Denn eine Grundannahme der GfK ist:

Jeder Mensch ist daran interessiert, zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen.

 Kinder sind soziale Wesen, die mit anderen Menschen zusammenleben wollen. Sie suchen nach Möglichkeiten, es sich selbst und anderen recht zu machen.

Was wir also mit der GfK fördern möchten: dass ein Kind den Müll herausbringt, weil es den Wunsch hat, zum Wohl der Familie beizutragen und es die Wahl hat, es zu tun oder eben nicht. Dass ein Kind Fußball spielt aus Freude am Spiel usw.

 

Was ist eine Alternative zu Belohnung und Bestrafung?

Du möchtest eine Beziehung zu deinem Kind aufbauen, die sich durch Liebe, Vertrauen, Respekt, Verständnis und Augenhöhe auszeichnet? Dann lohnt es sich, auf das Konzept von Belohnung und Bestrafung zu verzichten und mal anders an die Sache heranzugehen!

Belohnung und Bestrafungen werden dort eingesetzt, wo es an Vertrauen fehlt.Vertrauen in die Freiwilligkeit, Vertrauen in das Wesen des Menschen, gerne zu geben. Das heißt, Kinder werden gezwungen etwas zu tun, das sie im Prinzip freiwillig geben würden.

Die Folge ist ein gut funktionierenderstatt ein lebendigerMensch.

 

Was ist Bestrafung? 

Menschen strafen andere mit Schmerz, Scham oder mit Schuld.

Eltern tun ihren Kindern ein wenig körperlich weh, damit das Kind dann tut, was der Strafende will. Oder es wird eine Art Denkzettel gegeben:

„Merke oder spüre, hier ist eine Grenze, du hast sie überschritten!“

 Mit Scham oder Schuld strafen sind quasi seelische Gewalt. Zum Beispiel Sätze wie

„Du bist so ungeschickt!“

„Immer kommst du zu spät!“

Auf der einen Seite denkt das Kind dann, dass das tatsächlich stimmt: es ist einfach ungeschickt – und in Folge wird es andere demnächst auch so behandeln, zum Beispiel mit Sätzen wie

„Du bist nicht mehr mein Freund!“.

Muss ich mich richtig verhalten, um Liebe zu bekommen?

Nein – ich möchte geliebt werden, weil ich die bin, die ich bin!

 

Was sind Schuldgefühle?

Kommen wir zu den Schuldgefühlen.

 „Jetzt ist Mama ganz traurig, weil du nicht mitkommst.“

Das Kind soll also glauben, dass die Mutter traurig ist, weil es nicht mitkommt, also nicht das macht, was die Mutter will. Es wird verantwortlich gemacht für die Gefühle seiner Mutter.

Eine weitere Grundannahme der GfK ist aber:

Jeder ist für seine Gefühle selber verantwortlich!

 

Was ist Belohnung?

Eine Belohnung kann genauso wie eine Bestrafung Angst, Schuld und Schamgefühle erzeugen.

Denn wir werden belohnt, weil jemand anderes meint, dass wir etwas richtig oder gut gemacht haben. So entwickeln wir auf Dauer die Vorstellung, dass wir diesen Erwartungen gerecht werden müssen. So können enormer Druck und Versagensängste entstehen, oder wir machen uns Vorwürfe, wenn uns etwas nicht gelingt. Oder wir schämen uns für unser Unvermögen.

 

„Müssen“ oder „wollen“ wir etwas tun?

„Manche Dinge muss man aber machen im Leben!“

 Das höre ich an dieser Stelle häufig. Das kann man so sehen. Ich aber sehe es so: hinter jeder Sache, die ich tue, verbirgt sich ein Bedürfnis. Werde ich mir darüber klar, entfällt das „Müssen“!

Beispiel:

„Ich muss arbeiten!“

Warum arbeitest du? Weil dir finanzielle Sicherheit wichtig ist? Weil dir Entwicklung wichtig ist? Weil es dir Freude macht? Erkennst du das Bedürfnis hinter deinem Handeln, entfällt das „Müssen“.

 

Wie Eltern Ihre Werte ohne Belohnung und Bestrafung weitergeben können

Je kleiner dein Kind ist, desto mehr ist es von dir, deinen Werten und deiner Sicht des Lebens abhängig und kann von dir lernen. Im Laufe seines Lebens ist es das Ziel, dass es seine ganz eigenen Werte entwickelt und lebt.

Du kannst dich also als Lotse und als Spiegel deines Kindes sehen.

Das heißt, dass du dir als allererstes bewusst machen kannst, was deine Werte sind, die du jetzt geradevertreten möchtest.

Eine andere Grundannahme der GfK ist nämlich auch:

Jeder kann zu jeder Zeit seine Meinung ändern!

Jede Familie hat ihre eigene Reihenfolge an Werten.

Bei der einen sieht es so aus:

  • Sauberkeit
  • Ordnung
  • Hygiene

Bei einer anderen Familie kann es so aussehen:

  • Hygiene
  • Ruhe/ Entspannung
  • gesunde Ernährung

Nun möchten wir in der Welt der GfK diese Werte nicht mit Belohnung und Bestrafung weitergeben. Wir möchten sie bewahren und das auf eine einfühlsame und liebevolle Weise. Wir als Eltern können das, indem wir unsere Werte und die Werte unserer Familie, der Gesellschaft, des Kindergartens, der Schule und der Natur vertreten und dafür eintreten.

So lange dein Kind also unter deiner Verantwortung steht und du beobachtest, dass es eine Grenze von dir überschreitet, kannst du – statt es zu bestrafen –herausfinden, welche Beweggründe hinter SEINEM Verhalten stecken.

Versuche zu verstehen, was dahinterist.

 

So können Eltern verstehen, was ihre Kinder sagen wollen

Das führt zu einer weiteren Grundannahme der GfK:

Was auch immer ein Kind sagt oder tut:  es möchte damit ein bestimmtes Bedürfnis befriedigen.

Klar ist, Kinder leben nach Vorbildern. Und ich sage immer: behandele andere so, wie du auch behandelt werden möchtest. Also, lebe deinen Kindern deine Werte vor und mach bei ihnen keine Ausnahme. Ob es jetzt um die Selbstfürsorge, den Umgang mit der Natur, mit Geld oder eben mit unseren Mitmenschen geht.

Und hab gleichzeitig das Vertrauen, dass dein Kind das für sich passende übernehmen wird und seine eigenen Werte entwickelt.

Das Wichtigste dabei ist deine Haltung!

Statt zu motivieren oder zu zwingen, möchten wir Verbindung herstellen.Und dabei helfen die dir Grundannahmen der GfK.

In der Praxis braucht es zusätzlich noch die Technik der GfK, also die 4-Schritte:

  1. Situation
  2. Gefühle
  3. Bedürfnisse und
  4. die Bitte/Danke/Feiern

 

Eine Alternative zu Belohnung

Eine Alternative zu Belohnung kann folgendes sein: Wertschätzung!

Zum Beispiel:

„Du bist aber ein guter Turner!“

  1. Beobachtung: du hast gerade ein Rad geschlagen.
  2. Gefühl: Wow, ich bin ganz glücklich
  3. Bedürfnis: und habe große Freude zu sehen, wie du das machst!
  4. Ich feiere das!

„Du hast gerade ein Rad geschlagen. Wow, ich bin ganz glücklich, denn ich habe große Freude zu sehen, wie du das machst.“

 

Eine Alternative zu Bestrafung

Ist ein Familienalltag ohne Bestrafung möglich? Ja. Und zwar das:

Empathie!

Zum Beispiel:

„Wenn du jetzt nicht aus der Wanne herauskommst, dann lese ich dir gleich keine Gute-Nacht-Geschichte vor!“

  1. Situation:„Du willst in der Badewanne bleiben.“
  2. „Das ist so gemütlich, oder?“
  3. Bedürfnis:„Und du hast gerade ganz viel Freude dabei mit dem Schaum zu spielen?

Gleichzeitig möchte ich, dass du jetzt herauskommst, damit wir noch Zeit zum Lesen und Kuscheln haben.“

  1. „Bist du bereit aus der Wanne zu kommen?“
  2. Kommt ein Ja, ist die Situation beendet.            Kommt ein Nein, braucht es mehr Einfühlung: „Du hast wirklich ganz viel Freude gerade in der Wanne – du badest gerne, oder?“

Vielleicht geht es deinem Kind auch ums Selbermachen? Finde heraus, welches Bedürfnis dein Kind sich mit seinem Verhalten gerade erfüllt

„Ich freue mich, zu sehen, wie viel Spaß du in der Wanne hast! Gleichzeitig ist mir das Lesen und Kuscheln mit dir so wichtig. Bist du bereit zum Lesen und Kuscheln?“

Usw.!

 

Warum lohnt es sich, auf Belohnung und Bestrafung zu verzichten?

Warum ist es so wichtig, auf Belohnung und Bestrafung zu verzichten?

Aus diesen Gründen:

  • weil unsere Kinder dann keine Anerkennung der anderen brauchen, um sich OK zu fühlen
  • weil sie dann neugierig bleiben und ungestört lernen können
  • weil sie dann Vertrauen entwickeln und ausprobieren
  • weil dann der Prozess und nicht das Ziel wichtig wird
  • weil dann das Schubladendenken wegfällt und unsere Kinder lernen, dass jeder einzigartig ist, so wie er ist
  • weil unsere Kinder nach einem Misserfolg motiviert sind, andere Wege zu finden
  • und aus vielen Gründen mehr!

Wenn du jetzt Stress spürst oder dich verurteilst für Dinge, die du gesagt oder getan hast:

Ich lade dich ein in eine Welt ohne Belohnung und Bestrafung und das ganz ohne Druck!

Marshall Rosenberg, der Entwickler der GfK hat einmal gesagt: „Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, unzulänglich getan zu werden.“

In diesem Sinne: fang an, probiere dich aus, hab viel Freude dabei und sei gnädig zu dir und deiner Umwelt!

Du möchtest mehr über dieses Thema erfahren und mit der GfK deinen Familienalltag angenehmer machen und die Beziehung zu deinen Kindern bereichern?

Alle Infos zu meinen GfK-Kursen, Beratung und dem ersten GfK-Podcast für Eltern findest du hier.

Ich freue mich auf unseren Austausch.

www.kw-herzenssache.de

 

2 Kommentare
  1. Hmm, interessanter Ansatz. Etwas, dass ich im großen und ganzen versuche zu leben. Aber… Leider begrenzt umsetzbar. Wenn meine kleine nicht aus der Wanne kommen will dann und ich sie frage ob ihr jetzt das planschen oder später das lesen wichtiger ist kommt 100% das planschen zuerst. Später im Bett hat sie natürlich trotzdem das Bedürfnis nach Kuscheln und Geschichte. Dieses vorausschauende Denken fehlt einfach noch, um eine Kommunikation dieser Art sinnvoll zu führen. Und ist das „Feiern“ nicht eine Belohnung mit Worten?

    1. Liebe Kathy,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir finden auch, dass es gar nicht so einfach ist, diesen Ansatz der gewaltfreien Kommunikation konsequent zu leben. Aber alleine der Versuch, das so oft wie möglich in die Praxis umzusetzen, ist doch schon mal viel wert 😊
      Bestimmt freut sich die Autorin – Kathy Weber – darüber, mit Dir zu Deinen Fragen ins Gespräch zu kommen, z.B. unter http://www.kw-herzenssache.de oder auf Instagram @_kathy.weber_
      Herzliche Grüße,
      Dein hörbert Team

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